Infos zu Blut aus Silber

inklusive Leseprobe

Achtung, Spoiler!

Wenn ihr Band 1 der Reihe noch nicht gelesen habt und euch gerne überraschen lasst, ist dieser Beitrag nichts für euch.

Genre: Urban Fantasy, Romance, Dystopie
Format: eBook, Taschenbuch
Preis: 3,99€, 14,90€ (tbc)
ET: Mai 2020
Verlag: BoD Books on Demand

Reihe: Band 2 von 4

Klappentext

Was bedeutet Leben, wenn kein Blut durch deine Adern fließt?

Nach den erschütternden Ereignissen im Anwesen der Aldrins findet sich Aidan in Paris wieder, um endlich mehr über sein vergangenes Leben als Mensch zu erfahren. Doch statt Antworten stößt er bei den Alchemisten nur auf weitere Geheimnisse.
Unterdessen stellt Ivy ohne Erinnerungen an ihre Entführung fest, wie brüchig das Gefängnis aus Lügen ist, in das man sie in Kingsbury gesteckt hat.
Ihre einzige Hoffnung: ihr Bruder.
Doch weil auch dieser keine Hilfe bietet, bleibt Ivy nichts übrig, als sich selbst zusammen mit Aidan auf die Spuren der Vergangenheit zu begeben.
Und diese Spuren führen sie ausgerechnet in die undurchdringlichen Schatten unter Paris.

Fragen zum Projekt

Auf Instagram habe ich euch die Möglichkeit gegeben, mir Fragen zum Projekt „Mechanic“ oder auch Blut aus Silber selbst zu stellen. Hier findet ihr die Antworten.

Wann und wie erscheint "Blut aus Silber"?

Einen genauen ET gibt es dieses Mal nicht. Grob habe ich den Mai ganz fest im Blick, der genaue Tag hängt aber von mehreren Faktoren ab darunter Korrektur, Lieferzeit meines Probedrucks und natürlich auch eventuelle Verzögerungen durch Corvid-19. Sobald es etwas konkreter wird, gebe ich das auf Social Media bekannt.

Das Buch wird wie Band 1 auch über BoD und Amazon veröffentlicht. Mit den eBooks der Reihe werde ich zurück zu Amazon only und damit auch Kindle Unlimited ziehen, während das Taschenbuch über Books on Demand veröffentlicht wird. Ein Hardcover ist auch in Planung, wird aber wie schon beim Vorgänger erst etwas später dieses Jahr in Angriff genommen.

Gibt es eine Option für signierte Exemplare?

Nein. Leider kann ich das aus organisatorischen Gründen nicht anbieten. Da ich im Vereinigten Königreich wohne, wären die Lieferzeiten und -kosten von BoD zu mir und anschließend zurück nach Deutschland zu hoch. Wenn es mich allerdings wieder zu Reise- oder Messezwecken nach Deutschland verschlägt, gebe ich auf Social Media frühzeitig Bescheid, sodass ihr für kurze Zeit auch signierte Exemplare erwerben könnt.

Was erwartet uns in Blut aus Silber? Ist es anders als der Vorgänger?

Ja und nein. Ihr dürft euch natürlich auf dieselbe Welt freuen, die ihr in Herz aus Bronze kennengelernt habt und sogar noch tiefer darin eintauchen. Ivy und Aidan sind immer noch dabei, einige Nebencharaktere werden auch wieder vorkommen. Dazu gibt es auch eine kleine Palette an neuen Figuren, auf die ihr gespannt sein dürft.

Generell habe ich das Gefühl, dass Blut aus Silber um einiges düsterer ist, was sich auch im Cover widerspiegelt. Es gibt wieder jede Menge Geheimnisse, dunkle Enthüllungen, aber dazu vielleicht auch die ein oder andere romantische Szene …

Wie sieht es mit den Folgebänden aus?

Nach aktueller Planung versuche ich beim bisherigen Rhythmus zu bleiben und einmal im Jahr einen Band der Reihe zu veröffentlichen. Das hängt allerdings auch von anderen Projekten ab, die aktuell bei meiner Agentur liegen und ggf. priorisiert werden müssen, sofern ein Verlag dahintersteckt. Falls dieser Fall eintreffen sollte, gebe ich rechtzeitig Bescheid.

Nach Blut aus Silber folgen noch zwei weitere Bände in der Reihe. „T… aus Gold“ und „S… … …“ . ;)

Wird es ein Happy End geben?

In Blut aus Silber? – Wer mich kennt, weiß, dass ich Cliffhanger zwischen einzelnen Bänden liebe.

Für die Reihe? – :)

Leseprobe

Kapitel 1

Aidan

Derry, 30. Januar 1972

Es war auf den Tag genau vier Monate her, seit sein Vater inhaftiert worden war, und es kam dem Jungen noch immer so vor, als wäre es erst gestern gewesen. Als könnte sein Vater jederzeit von der Arbeit nach Hause kommen, ein schiefes Lächeln auf den Lippen, eine Entschuldigung murmelnd, Blumen für seine Frau hinter dem Rücken versteckend. Aber er kam nicht wieder.

Uniformierte Männer, Soldaten, hatten am Abend laut gegen die Tür gehämmert. Sie hatten den Vater des Jungen gepackt, ihn in Handschellen gelegt und ihm mitgeteilt, dass er wegen des Verdachts auf Verschwörung festgenommen werde. Ein Mitglied der IRA hatten sie ihn genannt.

Das Kind war in Tränen ausgebrochen, als sie den Vater abgeführt hatten. Seine Mutter hatte nur bleich danebengestanden. Die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst hatte sie dabei zugesehen, wie man ihren Mann ohne Beweise, ohne Grund inhaftiert und fortgebracht hatte. Und war damit bei weitem kein Einzelfall.

Danach waren sie in eine kleinere Wohnung gezogen. Die Worte »Ihr betretet jetzt das freie Derry« standen an einer Hauswand am Rand des Viertels, in dem sie nun lebten. Sein eigenes Zimmer musste der Junge zurücklassen, genau wie seine alte Schule. Er schlief jetzt in der Küche, wo seine Mutter ihm aus Kissen ein Bett auf der Sitzbank hergerichtet hatte.

»Es ist nur vorübergehend, bis dein Dad wieder zu Hause ist«, hatte sie gesagt und der Junge akzeptierte es.

So, wie er die Demütigungen seiner Klassenkameraden mit stoischer Geduld ertrug. Er war anders, und das gefiel Ihnen nicht. Sein Akzent war anders, sein Nachname war anders – aber der Junge verstand nicht, was daran so schlimm sein sollte. Sie nannten ihn Ginger, Eejit, Prod, ließen ihn nicht mitspielen, zerrissen seine Hefte, bewarfen ihn mit Dreck. Weil er anders war.

An dem Jungen zog das alles vorbei. Er wollte nur seinen Vater zurück. Seinen Vater, der ihm gezeigt hatte, wie man Wasser ohne Herd zum Kochen brachte, wie man Pflanzen durch eine bloße Berührung zum Leuchten brachte. Nur nicht, wie man die Einsamkeit ertrug.

»Hab ich dir nicht gesagt, dass du damit nicht spielen sollst?«

»Aber, Mum …«

Aidan blickte verdrießlich auf sein Werk. Mit Bleistift hatte er ganz fein winzige Runen auf die Tischdecke um ein volles Glas herum gemalt. Wasser. Luft. Sieden. Kondensieren. Mithilfe der kleinen hieroglyphenartigen Zeichen ließ er zarte Wölkchen aufsteigen, die sich nach kurzer Zeit in Regen auflösten und wieder im Gefäß niedergingen. Inzwischen eine einfache, obwohl es ihn Wochen gekostet hatte, sie zu meistern.

Mit großen Augen sah er zu seiner Mutter hinauf in der Hoffnung, dass eine Schnute sie davon überzeugen könnte, dass er alles unter Kontrolle hatte und sich nur irgendwie den Sonntag vertreiben wollte, doch da hatte sie sich schon abgewandt.

Bereits auf den ersten Blick wirkte sie zerstreut. Die rötlich braunen Locken hatte sie zu einem unordentlichen Knoten gebunden und das feuchte Geschirr auf der Spüle trocknete sie mit einer Fahrigkeit, die recht untypisch für sie war. Dem Jungen fiel auf, dass sie Strümpfe und ihre guten Sachen trug, obwohl sie heute nicht zur Kirche gegangen waren.

»Gehst du noch weg?«, fragte er vorsichtig, und seine Mutter erschrak mitten in ihrer Tätigkeit, als hätte sie kurzzeitig vergessen, dass er überhaupt dort saß. Hastig setzte sie ein Lächeln auf, ihre Antwort kam zu schnell.

»Ich treffe mich noch mit ein paar Freunden«, erklärte sie, ohne sich wirklich viel Mühe zu geben, ihrer Lüge Glaubhaftigkeit zu verleihen. Sie war seit der Verhaftung mit keinem ihrer Freunde mehr zusammen gewesen.

Der Junge hob skeptisch die Brauen, und ihre Gesichtszüge entspannten sich ein wenig.

»Dir brauche ich nichts vormachen, was, Aidan?«, fragte sie ergeben, woraufhin er nur den Kopf schüttelte. Dabei fielen ihm seine wirren Locken in die Stirn, sodass es für einen Augenblick Nacht zu werden schien. Seine Mutter kam zu ihm und strich die Strähnen liebevoll zur Seite.

»Die müssen wir mal wieder schneiden.«

Aidan schüttelte den Kopf. »Ich möchte sie aber lang lassen. So wie Dad.«

Einen Augenblick lang erstarrte seine Mutter, bevor sie sich wieder fing und nun ebenfalls die Brauen hob. »Dein Vater hat auf dem Kopf aber kein kleines Schäfchen sitzen.«

Aidan verdrehte die Augen, obwohl er wusste, dass sie natürlich recht hate. In der Schule wurde er ohnehin schon gehänselt, weil seine Haare rot waren wie die seiner Mutter – nicht auszumalen, was die anderen Kinder sagen würden, wenn sie dazu auch noch lang wären. Er blinzelte, um den Gedanken zu verdrängen – nicht, dass es ihn interessierte, was sie dachten.

»Wohin gehst du wirklich?«, wechselte er schnell das Thema.

»Eine Demonstration«, gestand sie nach kurzem Zögern. »Ein paar Leute wollen sich zusammentun und durch die Stadt marschieren, um zu protestieren.«

»Gegen was denn?«

Ein Seufzen verließ die Lippen seiner Mutter, ihre Stirn legte sich in Falten. »Gegen die Ungerechtigkeit … und dagegen, was mit deinem Vater passiert ist.«

Aidan nickte. Ihm war nicht klar, in welchem Zusammenhang Laufen mit der Freilassung seines Vaters stand, aber seine Mutter musste daran glauben. In ihrem Blick konnte er sehen, dass es wichtig war, weshalb er ein Lächeln aufsetzte.

»Kommst du ein paar Stunden allein zurecht?«, fragte sie vorsichtig nach, und Aidan zuckte mit den Schultern. Die Wohnung, in der sie lebten, bot mit der Küche und dem einen Schlafzimmer gerade genug Platz zum Atmen. Ihre Bücher hatten sie zurücklassen müssen. Für einen Fernseher fehlte ihnen das Geld. Seine Mutter schien seinen Gedanken zu folgen, denn sie zwinkerte verschwörerisch: »Du darfst auch ausnahmsweise mit Magie spielen.«

»Danke, Mum!«

»Aber du kennst die Regel!«

Er nickte. »Niemand darf etwas mitbekommen.«

»Gut.« Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn, bevor sie sich ihren Mantel vom Kleiderhaken neben dem Kühlschrank schnappte und hineinschlüpfte. »Ich bin in ein paar Stunden wieder da. Mach niemandem die Tür auf, hörst du?«

Aidan nickte und der Blick seiner Mutter fiel auf die kleine Standuhr auf dem Fensterbrett, die sie wohl daran erinnerte, dass sie viel zu spät dran war. Noch einmal drückte sie ihm einen Kuss auf die Stirn, bevor sie mit einem »Bis später!« zur Tür hinaus verschwand.

Eine Zeitlang war er froh über die unverhoffte Einsamkeit. Geschäftig krempelte er sich die Ärmel seines schmutzigen Hemds hoch und rieb die Hände aneinander, während er sich an die Worte seines Vaters erinnerte.

»Wasser, Aidan, besteht aus vielen, vielen kleinen Molekülen. Du musst sie dir vorstellen wie eine große Menge an Menschen, die zur Musik umeinander tanzen. Wird das Wasser kalt, ist es, als würde die Musik aufhören – die Leute bleiben stehen, werden starr und lassen sich irgendwann von nichts und niemandem mehr in Bewegung setzen.

Erhitzt man dagegen das Wasser, ist es so, als würden die Menschen sich immer schneller bewegen – schneller und schneller, bis die ersten sich nicht mehr auf der Tanzfläche halten können und davontreiben.«

Aidan wusste, er musste in seinem Kopf nur seine Gedanken nach den Molekülen ausstrecken und Energie in die Runen auf dem Tisch fließen lassen, um sie zum Tanzen bringen. Und wenn er sich nur stark genug konzentrierte, würde das Wasser vor ihm irgendwann zu kochen beginnen. Das war der leichte Teil der Übung. Woran er immer und immer wieder scheiterte, war der Versuch, das dabei entstehende Gas unter seine Kontrolle zu bringen, zu verhindern, dass die Tänzer einfach so von der Party davonrannten, sondern sich stattdessen in einer Gruppe so bewegten, wie Aidan es wollte.

Er schloss die Augen, richtete seinen Verstand auf das Glas vor ihm – und stoppte. Lautes Stimmengewirr, das durch das dünne Küchenfenster zu ihm hereindrang, ließ ihn innehalten. Genervt stieß er einen Seufzer aus, der nicht ganz zu seinen jungen Jahren passen wollte, bevor er sich auf der Bank herumdrehte, um aus dem Fenster zu schauen.

Seine Mutter hatte die Demonstration zwar erwähnt, doch ein derartiges Aufgebot an Menschen hätte er sich nicht erträumt. Es schien so, als wäre das gesamte Ghetto auf der Straße – Männer, Frauen, Alte und Junge, die sich teilweise mit Schildern bewaffnet auf die Straße begaben. Aidans Neugier war geweckt, weshalb er kaum eine Sekunde mit der Entscheidung verschwendete, ob er lieber hier warten oder seiner Mutter heimlich folgen sollte.

Was wollten all diese Leute?

Ohne zu zögern warf er sich seine Jacke über, schnappte sich den Schlüssel, den seine Mutter zurückgelassen hatte, und ging nach draußen. Kalte, feuchte Winterluft schlug ihm entgegen, die den Geruch von Nieselregen und Rauch mit sich trug. Über ihm war der Himmel eine einzige hellgraue Wolkendecke. Dazu kroch die Kälte sogleich durch jede Faser seiner Kleidung. Doch sein Interesse an dem Geschehen überwog den Drang, wieder in die Wohnung zu verschwinden.

Unauffällig mischte er sich unter die Menge. Soweit er sehen konnte, war er das einzige Kind, doch die Menschen schienen von seiner Anwesenheit kaum Notiz zu nehmen. Im Schatten einer kleineren Gruppe bewegte er sich auf die Elmwood Road zu, während er versuchte, irgendeine Information aufzuschnappen – vergebens. Eine seltsame, entschlossene Stille hatte sich über die meisten gelegt. Worte wurden nur spärlich ausgetauscht und wenn doch, dann so leise, dass nur kleine Atemwölkchen von ihrer Existenz zeugten.

Nach kurzer Zeit gab Aidan es auf, etwas durchs Lauschen herausfinden zu wollen, und beschloss, nach seiner Mutter Ausschau zu halten. Am Straßenrand huschte er mit dem Strom von Eingang zu Eingang in der Hoffnung dabei einen Blick auf ihren rosafarbenen Mantel erhaschen zu können. Als sie auf die Westland Street einbogen, wurde die Menge immer dichter und die Stimmen endlich lauter.

Aidan konnte einzelne Worte aufschnappen – Zweifel darüber, ob Proteste eine gute Idee seien, wo sie doch politisch verboten waren, Beschwerden über die Zustände, die mit jedem weiteren Meter langsam zu einem Chor anschwellten.

Als sie schließlich auf die große Lecky Road gelangten, gab es kein Durchkommen mehr. Die Sprechchöre waren inzwischen so laut, dass Aidan kaum die einzelnen Worte verstehen konnte, und zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass es vielleicht besser wäre, er würde wieder zurück nach Hause gehen. Die Stimmung in der Luft war wie elektrisiert, doch mit der plötzlichen Wahrnehmung der Bedrohung kam auch die Sorge um seine Mutter, die hier irgendwo in der Menge sein musste. Wie hatte sie gesagt? Er war jetzt der Mann im Haus, das hieß im Gegenzug, dass er auf sie aufpassen musste.

Ihm kam eine Idee. Es würde schwierig werden, sich weiter nach vorne in der Menge durchzuschlagen, die sich wahrscheinlich über Hunderte Meter die Straße entlangzog – vielleicht sogar bis zum Fluss. Stattdessen könnte er sich von einem hohen Posten einen Überblick verschaffen.

Er brauchte länger als erhofft, um überhaupt die Straße zu überqueren, doch als er erst einmal wieder vom Asphalt herunter war, konnte er mühelos den Hügel zur Royal Bastion erklimmen. Der Ausblick, der sich einem hier an schönen Tagen bot, war wundervoll mit den vielen Häusern, der Kathedrale und dem Fluss, der selbst im fahlen Sonnenlicht funkelte, doch nun ließ er ihm das Herz in die Knie sacken. Wie er vermutet hatte, war die ganze Straße voll mit Demonstranten. Am dichtesten standen sie an der Ecke zur Fahan Street, wo das britische Militär eine Straßenblockade aufgebaut hatte. Stacheldraht und gepanzerte Fahrzeuge schnitten den Demonstranten den Weg ab. Männer mit Megafonen riefen die Menschen dazu auf, nach Hause zu gehen, doch diese ließen sich davon nicht beirren. Entschlossen strömten sie weiter der Straßensperre entgegen – trotz der Soldaten, trotz der Waffen. Als Aidan einen rosafarbenen Mantel darunter erkannte, bekam er es schließlich mit der Angst zu tun.

Dann mischten sich plötzlich Schreie unter die Menge. Aus der Ferne konnte Aidan erkennen, dass das Militär zu Wasserwerfen griff und nun damit begann, den Mob gewaltsam zu zerstreuen. Und Aidans Mutter stand mitten in der ersten Reihe.

Er dachte nicht mehr nach, als seine Beine sich wie ferngesteuert in Bewegung setzen. Den Hügel hinunter, so hastig, dass er beinahe auf dem feuchten Gras ausrutschte. Sein Weg führte ihn hinunter zu einem Häuserblock, der genau zwischen ihm, der Straßensperre lag, doch Aidan kannte die Gassen seiner Heimatstadt blind.

Anstatt nach links abzubiegen, wo die Leute nun wütender denn je und entgegen jeder Logik in Richtung der Blockade drängten, ging Aidan nach rechts. Dort, im Schatten des Häuserblocks, führte eine schmale Treppe hinab zur Hauptstraße – und damit zu seiner Mutter. Menschen kamen ihm entgegen, als er diesen Weg einschlug, würdigten ihn jedoch keines Blickes. Wut, Panik und Verzweiflung standen in ihre Gesichter geschrieben – zu viel, um ihre Aufmerksamkeit auf irgendetwas anderes als sich selbst zu lenken.

Dann fielen auf einmal Schüsse.

Keuchend und mit schmerzenden Beinen kam Aidan am Fuß der letzten Treppe an. Auf dem kleinen Parkplatz befanden sich noch immer Menschen. Einige davon gingen wütend auf eine Gruppe Soldaten los. Andere suchten nach einem Fluchtweg.

Da sah Aidan sie. Wie ein einzelner Farbtupfer stach seine Mutter aus der grauen Menge heraus, Tränen der Wut in ihren Augen, ein Schild in der Hand, auf dem in schwarzer Schrift die Worte »Wir wollen Gerechtigkeit« standen.

»Mum!«, schrie er verzweifelt, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, woraufhin sie sich wie vom Donner gerührt zu ihm umwandte. Ihre Augen vor Fassungslosigkeit weit aufgerissen stand sie da.

»Aidan! Renn weg!«, rief sie noch. Doch es war zu spät.

Eine ganz Salve an Kugeln durchbrach den Tag, ließ den Putz von den Häuserfassaden rieseln wie grauen Schnee, brachte auch die letzten sturen Demonstranten dazu, kehrtzumachen, und zwang Aidans Mutter in die Knie.

Binnen von Sekunden durchtränkte das Blut ihren Mantel dort, wo die eine Kugel sie getroffen hatte, während ein Bach aus roter Flüssigkeit sich aus einer zweiten Wunde an ihrer Schläfe.

Und Aidan entwich ein verzweifelter, markerschütternder Schrei, bevor die Welt um ihn herum jegliches Licht verlor.